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Schulzes und die Berufswahl - Handwerk hat goldenen Boden

„Setzt euch doch“, forderte Frau Schulze ihre Tochter Kathrin und ihren Schwiegersohn Peter auf. „Aber sag mal, Peter, wolltest du nicht mit deinen Freunden zum Baden fahren?“ „Bei meinem Meis­ter­studium stehen  Prüfungen an. Gleich nach dem Frühstück wird gebüffelt. Die fachtheoretische Prüfung hat es nämlich in sich!“ „Wie genau heißt eigentlich dein Abschluss?“, wollte Herr Schulze wissen. „Installateur- und Heizungsbaumeister.“ „Na klasse, da kannst du ja die Firma von deinem Chef übernehmen, der geht doch sicher bald in Rente.“ „Sag mal, Bernd, woher weißt du denn das? Darüber habe ich doch erst gestern mit ihm gesprochen.“ Herr Schulze lachte: „War doch nur ein Scherz.“ Kathrin sah ihren Mann mit gerunzelter Stirn an: „Und wann sollte ich davon erfahren, mein lieber Peter?“ Peter war offensichtlich nicht ganz wohl in seiner Haut: „Weißt du, ich wollte erst noch einmal darüber nachdenken und heute Abend mit dir reden. Kurz gesagt: Meinem Chef geht es wie vielen deutschen Hand­swerkmeistern – und auch vielen anderen Unternehmern: Er weiß nicht, wer seine Firma übernehmen soll. Seine Kinder haben beide studiert, sie Grafikdesign, er irgendwas mit In­ter­net. Das ist ein Riesenproblem für die Wirtschaft, und damit für uns alle.“

Vom Lehrstellen- zum Azubimangel

Bevor die beiden über Peters Zukunft  einen Disput  beginnen konnten, warf Herr Schulze ein: „Genau genommen beginnt das Nachwuchsproblem ja schon bei den Lehrlingen, die man heutzutage Auszubildende oder Azubis nennt. Überall lese und höre ich, dass Fachkräfte und auch Azubis händeringend gesucht werden.“ Frau Schulze nickte zustimmend: „Vor kurzem noch wäre das unvorstellbar gewesen. Da standen die Bewerber überall Schlange! Aber sagt mal, warum ist das eigentlich so?

„Das ist doch klar“, warf Kathrin ein. „Natürlich wegen den geburtenschwachen Jahrgängen, die jetzt in die Ausbildung kommen. Und deshalb ist übrigens die Lage in Mitteldeutschland, wo nach 90 viele Menschen abgewandert sind, besonders schlimm. Was denn Peter, du schüttelst den Kopf. Stimmt das etwa nicht?“ „Doch, stimmt schon. Aber wie die Statistik zeigt, trifft es besonders die Kleinbetriebe, also in unserer Region besonders viele Handwerksbetriebe. Im Bereich der Handwerkskammer Halle ist die Zahl der Handwerkslehrlinge in den vergangenen zehn Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen! Ganz klar, da  macht man sich die Hände noch schmutzig. Deshalb wollen alle studieren.“

Herr Schulze war davon ebenfalls nicht begeistert: „Natürlich brauchen wir viele Menschen mit akademischer Bildung.   Aber das heißt doch nicht, dass auf Teufel komm raus die Mehrzahl der Schüler studieren müssen. (2017 nahmen 56 Prozent Jugendliche ihres Jahrgangs ein Studium auf.) Ob sie dafür geeignet sind? Ob sie das Richtige studieren? Ob sie bald zu den zahlreichen Studienabbrechern (fast jeder Dritte schon im ersten Semes­ter) zählen werden? Ob die Unis völlig überlastet und unzureichend finanziert sind? Ob viele Absolventen z. B. von po­li­tik- und geisteswissenschaftlichen Fächern eine Stelle finden werden? Egal –  Hauptsache studieren! Dabei ist die duale Ausbildung mit der Praxis in den Betrieben und der theoretischen Ausbildung in Berufsschulen durchaus anspruchsvoll, was unser Peter ja aus seinen eigenen Er­fahrungen bestätigen kann. Und eine Perspektive für die Azubis nach dem Ab­schluss ihrer Ausbildung gibt es jetzt schon, wie wir an Peter sehen – und wird es in Zukunft sicher noch in viel stärkerem Maße geben.

Das würde allerdings voraussetzen, dass auch die Politik nicht  so einseitig aufs Studium setzen würde. Der Philo­sophieprofessor und  ehemalige BRD-Kulturstaatsminister Nida-Rümelin – übrigens von der SPD – hat in diesem Zusammenhang vom ‚Akade­mi­sierungs­wahn‘ gesprochen.“

Philosophen reparieren keine Heizung

„Wenn ich das so höre“, griff Frau Schulze in die Debatte ein, „so wird mir angst und bange. Was ist, wenn das Dach undicht bleibt? Wenn die kaputte Heizung nicht repariert wird? Wenn die Elektroanlage nicht mehr funktioniert und keiner kümmert sich darum? Kommt dann ein – na sagen wir mal – studierter Philosoph, um die Sache zu regeln? Oder vielleicht ein Roboter?“

„Aber warum ist das so?“, wollte Kathrin wissen. „Da gibt es sicher mehrere Ursachen. Die Politiker setzen zu einseitig aufs Studium. Vielleicht ist auch die Ausbildung in manchen Berufen nicht das Gelbe vom Ei, kann ja sein. Die jungen Menschen wissen nicht so recht, was sie werden wollen – eben irgendwas Akademisches. Vielleicht müssen sie das Studium abbrechen. Oder sie finden trotz erfolgreichem Ab­schluss keinen oder nur einen befristeten Job und regen sich über prekäre Arbeitsverhältnisse auf. Dumm gelaufen – aber war das nicht vorauszusehen?“

„Etwas hast du noch vergessen“, ergänzte Peter. „Überall bei meinen Bekannten geben Eltern, Großeltern und andere Verwandte den jungen Menschen ‚gute‘ Ratschläge. Und zumeist heißt es da ‚Mach was aus deinem Leben! Studiere dieses oder jenes, egal was, aber studiere!‘  Dabei sollten die ‚Ratgeber‘ doch lieber empfehlen, sich unter den vielen Be­rufs­möglichkeiten umzuschauen. Vielleicht ist für viele ein anspruchsvoller praktischer Beruf mit guten Verdienstmöglichkeiten und sicherer Perspektive besser als eine unsichere akademische Karriere. Und sie sollten berücksichtigen: Wenn die Leute erst im Winter im Kalten sitzen, weil keiner da ist, der ihre Heizung repariert, dann ist es zu spät. Dann ist das Geschrei groß, aber so auf die Schnelle lassen sich keine Klempner aus dem Hut zaubern. “

„Fassen wir also einmal zusammen: Handwerk hat immer goldenen Boden – das muss man den jungen Menschen aber auch sagen!“, damit beendet Frau Schulze resolut die Debatte. „Und weil ihr alle so konstruktiv diskutiert habt, gibt es jetzt mein allseits beliebtes Omelett mit Schinken, Tomaten und Kräutern. Aber nicht vordrängeln!“